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Kant und Religion

Dieses Thema im Forum "Die Philosophen" wurde erstellt von Hemme, 25. Mai 2008.

  1. helia

    helia New Member

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    AW: Kant und Religion


    Hallo Hemme,

    Nach dem was ich folgendem Buch entnehme, bin ich sicher, dass Kant bis zum Schluss an Gott glaubte.

    http://books.google.de/books?hl=de&...ILpqdY&sa=X&oi=book_result&resnum=1&ct=result

    Bei seiner pietistischen Erziehung, zuerst zu Hause, später am Kollegium Fridericianum, welches von Dr. Franz Albert Schultz geleitet wurde (ab 1733) und welcher auch der geistliche Beistand der Familie Kant war, war der Grund für Kants Gottgläubigkeit bereits in seiner Jugend gelegt.

    Auch dass er 1756 das Erdbeben von Lissabon (1. November 1755) als Gottgewollt darstellte und den 60 - 100'000 Opfern die durch das Erdbeben stärker sprudelnden Mineralquellen von Teplitze/Töplitz als Kompensation gegenüber stellte, lässt erkennen, dass er mit 35 Jahen immer noch an Gott glaubte.

    Endlich ein Zitat aus seinen letzten Tagen, aus:
    "Immanues Kant in seinen letzten Lebensjahren", von E. A. Ch. Wasianski, "Diakonus bei der Tragheimschen Kirche in Königsberg".

    "Meine Herren, ich fürchte nicht den Tod, ich werde zu sterben wissen. Ich versichere es ihnen vor Gott, dass, wenn ich's in dieser Nacht fühlte, dass ich sterben würde, so wollte ich meine Hände aufheben, falten und sagen: Gott sei gerlobt!"

    Ich denke, dass man deshalb ruhig davon ausgehen kann, dass Kant an Gott glaubte.....


    Liebe Grüsse,

    helia
     
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  2. FritzR

    FritzR Active Member

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    Im Nordwesten Baden-Württembergs
    AW: Kant und Religion

    In diesem Zusammenhang passt sehr gut die Passage aus Heinrich Heines:

    Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland.

    Zitat:

    Gott ist, nach Kant, ein Noumen. In Folge seiner Argumentation, ist jenes transzendentale Idealwesen, welches wir bisher Gott genannt, nichts anders als eine Erdichtung. Es ist durch eine natürliche Illusion entstanden. Ja, Kant zeigt wie wir von jenem Noumen, von Gott, gar nichts wissen können, und wie sogar jede künftige Beweisführung seiner Existenz unmöglich sei. Die Danteschen Worte "Laßt die Hoffnung zurück!" schreiben wir über diese Abteilung der "Kritik der reinen Vernunft". Ich glaube, man erläßt mir gern die populäre Erörterung dieser Partie, wo "von den Beweisgründen der spekulativen Vernunft, auf das Dasein eines höchsten Wesens zu schließen" gehandelt wird. Obwohl die eigentliche Widerlegung dieser Beweisgründe nicht viel Raum einnimmt und erst in der zweiten Hälfte des Buches zum Vorschein kommt, so ist sie doch schon von vornherein aufs absichtlichste eingeleitet, und sie gehört zu dessen Pointen. Es knüpft sich daran die "Kritik aller spekulativen Theologie". Bemerken muß ich, daß Kant, indem er die drei Hauptbeweisarten für das Dasein Gottes, nämlich den ontologischen, den kosmologischen und den physikotheologischen Beweis angreift, nach meiner Meinung die zwei letzteren, aber nicht den ersteren zugrunde richten kann. Ich weiß nicht, ob die obigen Ausdrücke hier bekannt sind, und ich gebe daher die Stelle aus der "Kritik der reinen Vernunft", wo Kant ihre Unterscheidungen formuliert:

    "Es sind nur drei Beweisarten vom Dasein Gottes aus spekulativer Vernunft möglich. Alle Wege, die man in dieser Absicht einschlagen mag, fangen entweder von der bestimmten Erfahrung und der dadurch erkannten besonderen Beschaffenheit unserer Sinnenwelt an, und steigen von ihr nach Gesetzen der Kausalität bis zur höchsten Ursache außer der Welt hinauf; oder sie legen nur unbestimmte Erfahrung, d. i. irgend ein Dasein, zum Grunde, oder sie abstrahieren endlich von aller Erfahrung und schließen gänzlich a priori aus bloßen Begriffen auf das Dasein einer höchsten Ursache. Der erste Beweis ist der physikotheologische, der zweite der kosmologische, der dritte ist der ontologische Beweis. Mehr gibt es ihrer nicht, und mehr kann es ihrer auch nicht geben."

    Nach mehrmaligem Durchstudieren des Kanteschen Hauptbuchs, glaubte ich zu erkennen, daß die Polemik gegen jene bestehenden Beweise für das Dasein Gottes überall hervorlauscht, und ich würde sie weitläuftiger besprechen, wenn mich nicht ein religiöses Gefühl davon abhielte. Schon daß ich jemanden das Dasein Gottes diskutieren sehe, erregt in mir eine so sonderbare Angst, eine so unheimliche Beklemmung, wie ich sie einst in London zu New-Bedlam empfand, als ich, umgeben von lauter Wahnsinnigen, meinen Führer aus den Augen verlor. "Gott ist alles was da ist", und Zweifel an ihm ist Zweifel an das Leben selbst, es ist der Tod.

    So verwerflich aber jede Diskussion über das Dasein Gottes ist, desto preislicher ist das Nachdenken über die Natur Gottes. Dieses Nachdenken ist ein wahrhafter Gottesdienst, unser Gemüt wird dadurch abgezogen vom Vergänglichen und Endlichen, und gelangt zum Bewußtsein der Urgüte und der ewigen Harmonie. Dieses Bewußtsein durchschauert den Gefühlsmenschen im Gebet oder bei der Betrachtung kirchlicher Symbole; der Denker findet diese heilige Stimmung in der Ausübung jener erhabenen Geisteskraft, welche wir Vernunft nennen, und deren höchste Aufgabe es ist die Natur Gottes zu erforschen. Ganz besonders religiöse Menschen beschäftigen sich mit dieser Aufgabe von Kind auf, geheimnisvoll sind sie davon schon bedrängt, durch die erste Regung der Vernunft. Der Verfasser dieser Blätter ist sich einer solchen frühen, ursprünglichen Religiosität aufs Freudigste bewußt, und sie hat ihn nie verlassen. Gott war immer der Anfang und das Ende aller meiner Gedanken. Wenn ich jetzt frage: was ist Gott? was ist seine Natur? so frug ich schon als kleines Kind: wie ist Gott? wie sieht er aus? Und damals konnte ich ganze Tage in den Himmel hinaufsehen, und war des Abends sehr betrübt, daß ich niemals das allerheiligste Angesicht Gottes, sondern immer nur graue, blöde Wolkenfratzen erblickt hatte. Ganz konfus machten mich die Mitteilungen aus der Astronomie, womit man damals, in der Aufklärungsperiode, sogar die kleinsten Kinder nicht verschonte, und ich konnte mich nicht genug wundern, daß alle diese tausendmillionen Sterne ebenso große, schöne Erdkugeln seien wie die unsrige, und über all dieses leuchtende Weltengewimmel ein einziger Gott waltete. Einst im Traume, erinnere ich mich, sah ich Gott, ganz oben in der weitesten Ferne. Er schaute vergnüglich zu einem kleinen Himmelsfenster hinaus, ein frommes Greisengesicht mit einem kleinen Judenbärtchen, und er streute eine Menge Saatkörner herab, die, während sie vom Himmel niederfielen, im unendlichen Raume gleichsam aufgingen, eine ungeheure Ausdehnung gewannen, bis sie lauter strahlende, blühende, bevölkerte Welten wurden, jede so groß wie unsere eigne Erdkugel. Ich habe dieses Gesicht nie vergessen können, noch oft im Traume sah ich den heiteren Alten aus seinem kleinen Himmelfenster die Weltensaat herabschütten; ich sah ihn einst sogar mit den Lippen schnalzen, wie unsere Magd, wenn sie den Hühnern ihr Gerstenfutter zuwarf. Ich konnte nur sehen wie die fallenden Saatkörner sich immer zu großen leuchtenden Weltkugeln ausdehnten: aber die etwanigen großen Hühner, die vielleicht irgendwo mit aufgesperrten Schnäbeln lauerten, um mit den hingestreuten Weltkugeln gefüttert zu werden, konnte ich nicht sehen.

    Du lächelst, lieber Leser, über die großen Hühner. Diese kindische Ansicht ist aber nicht allzusehr entfernt von der Ansicht der reifsten Deisten. Um von dem außerweltlichen Gott einen Begriff zu geben, haben sich der Orient und der Okzident in kindischen Hyperbeln erschöpft. Mit der Unendlichkeit des Raumes und der Zeit hat sich aber die Phantasie der Deisten vergeblich abgequält. Hier zeigt sich ganz ihre Ohnmacht, die Haltlosigkeit ihrer Weltansicht, ihrer Idee von der Natur Gottes. Es betrübt uns daher wenig, wenn diese Idee zugrunde gerichtet wird. Dieses Leid aber hat ihnen Kant wirklich angetan, indem er ihre Beweisführungen von der Existenz Gottes zerstörte.

    Die Rettung des ontologischen Beweises käme dem Deismus gar nicht besonders heilsam zu statten, denn dieser Beweis ist ebenfalls für den Pantheismus zu gebrauchen. Zu näherem Verständnis bemerke ich, daß der ontologische Beweis derjenige ist, den Descartes aufstellt und der schon lange vorher im Mittelalter, durch Anselm von Canterbury, in einer rührenden Gebetform, ausgesprochen worden. ja, man kann sagen, daß der heilige Augustin schon im zweiten Buche "De libero arbitrio" den ontologischen Beweis aufgestellt hat.

    Ich enthalte mich, wie gesagt, aller popularisierenden Erörterung der Kanteschen Polemik gegen jene Beweise. Ich begnüge mich zu versichern, daß der Deismus seitdem im Reiche der spekulativen Vernunft erblichen ist. Diese betrübende Todesnachricht bedarf vielleicht einiger Jahrhunderte, ehe sie sich allgemein verbreitet hat - wir aber haben längst Trauer angelegt. De profundis!

    Ihr meint, wir könnten jetzt nach Hause gehn? Bei Leibe! es wird noch ein Stück aufgeführt. Nach der Tragödie kommt die Farce. Immanuel Kant hat bis hier den unerbittlichen Philosophen tragiert, er hat den Himmel gestürmt, er hat die ganze Besatzung über die Klinge springen lassen, der Oberherr der Welt schwimmt unbewiesen in seinem Blute, es gibt jetzt keine Allbarmherzigkeit mehr, keine Vatergüte, keine jenseitige Belohnung für diesseitige Enthaltsamkeit, die Unsterblichkeit der Seele liegt in den letzten Zügen - das röchelt, das stöhnt - und der alte Lampe steht dabei mit seinem Regenschirm unterm Arm, als betrübter Zuschauer und Angstschweiß und Tränen rinnen ihm vom Gesichte. Da erbarmt sich Immanuel Kant und zeigt, daß er nicht bloß ein großer Philosoph, sondern auch ein guter Mensch ist, und er überlegt, und halb gutmütig und halb ironisch spricht er: "Der alte Lampe muß einen Gott haben, sonst kann der arme Mensch nicht glücklich sein - der Mensch soll aber auf der Welt glücklich sein - das sagt die praktische Vernunft - meinetwegen - so mag auch die praktische Vernunft die Existenz Gottes verbürgen." In Folge dieses Arguments, unterscheidet Kant zwischen der theoretischen Vernunft und der praktischen Vernunft, und mit dieser, wie mit einem Zauberstäbchen belebte er wieder den Leichnam des Deismus, den die theoretische Vernunft getötet.

    Zitat Ende.


    Nachzulesen:
    http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=1145&kapitel=1#gb_found

    Gruß Fritz
     
  3. FreniIshtar

    FreniIshtar Well-Known Member

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    Hmmm ... weiß nicht!
     
  4. ichbinderichwar

    ichbinderichwar Well-Known Member

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    Was sagte Kant über die Metapyhsik, ...
     
  5. KANTIG

    KANTIG Well-Known Member

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    Meine: Kant sah in der Natur und in den für alle geltenden Sittengesetzen)kategorischer Imperativ) Gott - an einen persönlichen Gott hat er ??sicher nicht geglaubt.
     
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  6. FreniIshtar

    FreniIshtar Well-Known Member

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    3.640
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    Nach ihm wären Religionen die Erkenntnis unserer Pflichten: göttliche Gebote; nicht
    aber als Sanktionen gemeint!
     
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  7. FreniIshtar

    FreniIshtar Well-Known Member

    Registriert seit:
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    3.640
    *Göttlich*
    hat sich Lessing gegen kirchlichen Dogmatismus gestellt - und mit seiner Ringparabel hat er KEINE der damaligen drei Religionen bevorzugt!

    Ebenso weise empfinde ich Kants Hinweis
    auf unser moralisches Gewissen; auch:
    *göttlich*
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. Dezember 2019
  8. KANTIG

    KANTIG Well-Known Member

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    Beiträge:
    8.555
    Sie ist Teil der "a priori"-Welt - sprich: Sie kann nur "angedacht" werden.
     
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  9. ichbinderichwar

    ichbinderichwar Well-Known Member

    Registriert seit:
    2. September 2012
    Beiträge:
    29.322
    Angedacht,ja, dachte ich mir!
    Dem traue ich aber nicht so richtig!
     
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  10. ichbinderichwar

    ichbinderichwar Well-Known Member

    Registriert seit:
    2. September 2012
    Beiträge:
    29.322
    Also war das Hören vor dem Reden?
    Das "Neinsagen"lernt man aber schon früh:blume2:
    Also wird sanktioniert was dienlich macht,oder,...?
     

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